
„Hallo, ich bin Silke und so bin ich Pflegestelle des Tierheims geworden."


Es ist Oktober 2021 und mein erster Tag im Tierheim Jübberde. Ich möchte mir gerne angucken was es bedeutet ehrenamtlich im Tierheim zu helfen. Die beiden anderen ehrenamtlichen Helfer an diesem Samstag haben kaum Zeit mich zu begrüßen und rein zu lassen, da stehen schon die ersten Leute vor der Tür.
Ein Mann steht da: „Ich habe vier kleine Kitten gefunden. Könnt ihr die aufnehmen?“ Es maunzt aus der Box und wir sehen vier winzig kleine Katzen-Welpen, die sehr schmutzig und unheimlich stinkig sind.
Während eine ehrenamtliche Mitarbeiterin dem netten Finder der Kitten erklärt welchen Papierkram es zu erledigen gibt, ist die zweite ehrenamtliche Mitarbeiterin bereits unterwegs zum Notdienst‑Tierarzt für eine erste Untersuchung der vier Krümel. Leider können wir trotz heiß gelaufener Telefonleitungen keine Pflegestelle für die Minis finden.
Und dann höre ich mich sagen „Ich kann die vier Kitten mitnehmen und mich kümmern.“
Wie bitte? Ich? Pflegestelle für vier Baby Katzen?
Aber es stimmt schon, ich habe die Zeit. Ich bin chronisch krank und gehe nicht arbeiten. Aber, die Verantwortung für vier so kleine Katzen ohne ihre Mutter und zudem nicht wirklich gesund. Was fressen so kleine Tierchen? Können die vier schon Kittenfutter fressen? Fressen die vier überhaupt schon selbstständig? Oder muss ich gar alle zwei Stunden (auch nachts) den Kleinen die Flasche geben?
Erstmal Zuhause anrufen. Immerhin lebe ich nicht alleine. Der Mann brummelt was von „Du machst doch eh was du willst, kann ich wirklich was dazu zu sagen?“ Er ist nicht annährend so begeistert wie ich es mir gewünscht hätte……. Dann denke ich an meine nicht ganz zweijährige Hündin, für die „langsam“ und „Impulskontrolle“ Fremdwörter sind. Wird sie die kleinen Katzen in Ruhe lassen? Und was ist mit unserem fünfzehnjährigen grummel Kater? Der hat ganz sicher keine Lust auf eine Schar kleiner Mini-Katzen, die seine ausgedehnten Nickerchen unterbrechen und spielen wollen.
Am Ende hat der Mann recht und ich mache was ich für richtig halte. Auch ich muss einen Haufen Papierkram ausfüllen und es gibt einen Vor-Ort-Check, ob die Unterbringung der Kitten ordnungsgemäß gewährleistet ist. Und dann wird unser Büro für die kommenden Wochen zum „Kitten-Zimmer“ umfunktioniert.



Wir hatten großes Glück, denn unseren ersten vier Pflegis waren super pflegeleicht und haben sich sehr schnell von ihrem nicht ganz optimalen Start ins Leben erholt. Wir wussten nicht wirklich was wir tun und die Whatsapp-Gruppe des Tierheims, Tierheimleiterin Nicole Hermann und das Internet waren in den ersten Tagen die wichtigsten Anlaufstellen für unsere zahllosen Fragen. Nur eins der Kitten musste mit der Flasche zugefüttert werden und das auch nur tagsüber. Warme Waschlappen und kleine Bürsten konnten in den ersten Tagen den Schmutz entfernen und die verkrusteten Augen reinigen. Und es hat auch nur eine Woche gedauert, bis das Konzept Katzenklo einigermaßen angekommen war. Auch ließen sich alle vier ohne Probleme von uns anfassen und waren ganz selten kratzbürstig.
Und der Mann des Hauses? War nach einem halben Tag verliebt und hat geholfen! Beim Putzen, denn das ist es was vorrangig und eigentlich immer erledigt werden muss. Aber auch beim Management der Räume, denn Hund und Kater reagierten exakt wie von mir erwartet.
Der Kater wollte mit der ganzen Bande überhaupt nichts zu tun haben und deshalb mussten wir darauf achten seine Lieblingsplätze Kitten‑frei zu halten. Wohingegen unsere Hündin sowas von aufgeregt und begeistert war, dass wir sie nur angeleint ins Kitten-Zimmer lassen konnten. Sie hätte die armen Kleinen sonst beim Versuch mit ihren 25 kg mit den Kitten zu spielen einfach zerquetscht.
Und als alle Kitten in der 9. Lebenswoche ihre ersten Impfungen gut überstanden haben, hatten wir sogar für alle vier schon neue Familien gefunden. Und so endete das Abenteuer Pflegestelle für uns fast genauso plötzlich wie es angefangen hat. Der Abschied war emotional, aber mehr lachend als weinend, denn wir waren froh über die neuen Familien und auch froh über die Ruhe, die wieder bei uns einkehrte.
Natürlich blieb es nicht dabei. Weniger als ein Jahr später haben wir wieder vier Kitten bei uns aufgenommen und etwas später noch zwei dazu. Und diesmal war es ganz, ganz anders. Völlig anders. Diese Kitten waren nicht froh darüber eingesperrt zu sein und sich mit Menschen auseinander setzen zu müssen. Es hat lange, lange, lange gedauert bis alle vier wieder zu Kräften gekommen sind, wir mussten sehr oft zum Tierarzt und jedes Kitten musste unterschiedliche Medikamente bekommen. Eins der Kitten hat sich leider nicht erholt und ist über die Regenbogenbrücke gegangen. Und auch in diesem Moment, in dem wir uns die Frage stellen mussten, haben wir genug getan? Hätten wir mehr tun können, hätten wir mehr tun müssen? wurden wir ganz wunderbar vom Tierheim‑Team aufgefangen.
Und auch wenn wir diesmal mehr Zeit in die Sozialisierung stecken mussten, länger nach Familien suchen mussten, noch etwas mehr Chaos als beim ersten Mal hatten, werden wir auch im kommenden Jahr wieder Kitten bei uns willkommen heißen. Denn wenn die Fotos aus den neuen Familien bei uns eintrudeln, dann sind wir froh und stolz und das gesamte Team feiert den Erfolg und das schöne neue Zuhause dieses Tieres.


Dieser Text ist aus dem Jahr 2023. Inzwischen haben wir die Pflegekitten Nummer 17 und 18 bei uns und sind auch heute noch froh, wie es damals gekommen ist und wir immer wieder Tiere auf dem Weg in ein neues Zuhause begleiten dürfen. Die Herausforderungen ändern sich mit jedem Tier, das bei uns einzieht. Aber die Freude, wenn wir Fotos und Videos aus den neuen Familien bekommen, die ist einfach magisch.
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Wir suchen immer ruhige Orte, an denen unsere Kleinsten, aber auch die Kranken und Alten zur Ruhe kommen und sich erholen können.
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